Rokoko

Doppeltes Rokoko: Brettspiele im Museum

Blog // Der perfekte Haushalt aus Papier

»Der perfekte Haushalt aus Papier« ist eine in vielerlei Hinsicht verspielte Ausstellung: Im Zentrum steht schließlich ein Spielzeug aus dem späten 18. Jahrhundert, das Augsburger Klebealbum. Fast zur gleichen Zeit herrschte in Frankreich König Ludwig XV., der für seine prunkvollen Bälle und Gewänder bekannt war. Diese Welt inspirierte ihrerseits wieder ein Spiel namens Rokoko, das 2014 für den prestigeträchtigen Preis »Kennerspiel des Jahres« nominiert war. Was liegt also näher als ein Spielenachmittag im Museum?

Schneidern für den König

Bei Rokoko übernehmen die SpielerInnen die Rolle konkurrierender Schneidermeister zur Zeit Ludwigs XV.. Jede Schneiderei möchte das meiste Prestige für sich beanspruchen, indem sie die schönsten Kleider aus den prächtigsten Stoffen fertigt. Dafür brauchen sie geschicktes Personal, Stoffe, Garn, Spitze und natürlich das nötige Kleingeld für die Investitionen. Nur so kann es gelingen, dass Adelige in solchen Kleidern die besten Plätze am Ball des Königs ergattern, und damit dem Schneidermeister Prestige verschaffen. Zwischendurch muss allerdings auch das eine oder andere Kleid für schnöde Livres verkauft werden, weil sonst die Ressourcen knapp werden. Oder lohnt es sich eher, den Musiker in einem der Ballräume zu bezahlen, um sich einen Namen zu machen?

Motivation Taktik

Während sieben Runden sind die zwei bis fünf SpielerInnen immer wieder gefordert, schwierige Entscheidungen zu treffen: Manchmal ist langfristiges planen gefragt, manchmal rasches handeln, bevor jemand einem die vorhandenen Ressourcen wegschnappt. Wege zum Sieg gibt es viele, das macht Rokoko ebenso spannend wie anspruchsvoll. Ein weiterer Motivationsfaktor ist die Aufmachung des Brettspiels, die dem originellen Thema absolut gerecht wird.

Liebesbriefe

Als schnelle alternative zum Taktikspiel Rokoko steht beim Spielenachmittag im Museum das Kartenspiel Love Letter bereit. Es ist zwar ebenso prunkvoll aufgemacht wie Rokoko, enthält aber nur 16 Karten und ist in einer Viertelstunde durchgespielt. Hier geht es darum, einer Prinzessin über die diversen Mitglieder des Hofstaates einen Liebesbrief zukommen zu lassen. In der Spielmechanik funktioniert das dann so, dass man durch den geschickten Einsatz von Karten herauszufinden versucht, welche Karten die MitspielerInnen gerade in der Hand haben, um diese aus dem Spiel zu eliminieren. Ein großer Spaß für Familien und Freunde, KartenspielerInnen und Menschen, die sonst nichts mit Spielen anfangen können.

Termine

Am 12. Oktober 2014 fand der erste Spielenachmittag statt, unterstützt durch den Verlag Pegasus Spiele und die fleißigen SpielererklärerInnen vom Pegasus Support Team. Wegen des sonnigen Wetters kamen zwar etwas weniger BesucherInnen, dafür konnte der Spielenachmittag gleich in den wunderschönen Innenhof des Hofmobiliendepots verlegt werden. Die nächste Chance für eine Runde Rokoko oder Love Letter im Museum bietet sich am 30. November 2014 zwischen 14:00 und 18:00 Uhr im Hofmobiliendepot Wien.

 

Oktober 16th, 2014

BH-Waschkugel

Das Ding zum BHs waschen

Blog // Böse Dinge

„Es ist ein Schmarrn”, schreibt Ausstellungsbesucherin Andrea als sehr treffende Beschreibung für das von ihr mitgebrachte Ding, welches sich in die Reihe der anderen bösen Dinge einordnen möchte. Wäre es kein solcher Schmarrn, wäre es zum Waschen von Schalen-BHs da.

Zusätzlich ist es mit weißen, an der Außenseite, und rosa Herzen, im Inneren, versehen. Vermutlich weil es sich bei BHs um persönliche Gegenstände handelt, die man deshalb auch mit Herzen vor dem Waschvorgang schützen muss.

Was dann sicherlich auch von Herzen käme, wenn es denn nur funktionieren würde! Auf jeden Fall zeigt sich Besucherin Andrea nicht ganz so zufrieden mit diesem Hilfsmittel für den Haushalt und überlässt es lieber der Sammlung der Böse-Dinge-Ausstellung. Denn schließlich können hier auch alle, die die Schau besuchen, ihre schönsten bösen Objekte abliefern.

Ihr sollt auch gerne selbst, bitte ohne Blitz, in der Ausstellung fotografieren! Teilt eure Fotos anschließend auf Instagram und fügt den Hashtag #boesedinge hinzu. Es gibt unter anderem einen 200-Euro-Gutschein für die Designermöbel der Vintagerie in Wien zu gewinnen. Alle Details und die Teilnahmebedingungen stehen hier 

März 4th, 2014

Penispatschen

Eröffnungsrede von Klaus Nüchtern

Blog

Als ich letzte Woche beim Aufbau dieser Ausstellung vorbeischauen durfte und die beiden Kuratorinnen mir leicht enttäuscht, aber doch mit professioneller Freundlichkeit die Superkurzversion der üblichen zweistündigen Vollführung angedeihen ließen, habe ich natürlich nicht damit gerechnet, auf irgendwelche mir persönlich bekannten Dinge zu stoßen. Es dauerte allerdings nur wenige Minuten, bis genau dies geschah: Ich begegnete Max und Moritz. Damit sind nicht direkt Wilhelm Buschs beide bösen Buben gemeint, sondern ein Salz- und ein Pfefferstreuer. Die beiden sind auch gar nicht böse, sondern ganz im Gegenteil brave Exponate. Vom Bauhaus-Schüler Wilhelm Wagenfeld für WMF entworfen, stehen Max und Moritz für schlichtes, schönes, funktionales Alltagsdesign, wie es sich eben auch auf dem Esstisch unserer Familie fand.
Ich bin nicht unbedingt in einem designdidaktischen Vorzeigehaushalt aufgewachsen und hätte das eine oder andere Biedermeiermöbel ganz gerne gegen die Stereoanlage eingetauscht, die bei meinem Schulfreund mit dem Jazz hörenden Architektenvater im Wohnzimmer stand. Die meisten der von Dieter Rams aufgestellten „Zehn Gebote“ des Designs besaßen aber auch in unserem protestantischen Haushalt Geltung – vor allem die Gebote fünf bis sieben, denen zufolge gutes Design „ehrlich“, „unaufdringlich“ und „langlebig“ zu sein habe.
Die modernsten und sozusagen designtesten Teile, über die mein in diesen Belangen nicht überambitionierter Vater verfügte, waren ein Elektro-Rasierer von Braun und die ebenfalls in Mattschwarz gehaltene, von Gerd Alfred Müller entworfene Serie Lamy 2000: Druckbleistift, Kugelschreiber, Füllfeder. Nachdem ein elektrischer Rasierapparat bei meinem Bartwuchs in etwa so sinnvoll ist wie ein Mähdrescher im Schrebergarten, konnte ich mich bis heute nicht zur Anschaffung des Braun Sixtant 6006 durchringen, aber die Lamy-2000er-Serie habe ich mir längst zugelegt (und weil ich einzelne Teile zu verlieren und nachzukaufen pflege, hat sie mich schon eine hübsche Stange Geld gekostet).

Natürlich habe ich mir in Zusammenhang mit dieser Ausstellung auch überlegt, ob mir im elterlichen Haushalt auch das eine oder andere böse Ding begegnet sein könnte. Nach längerem Nachdenken sind mir zwei Gegenstände eingefallen, die eventuell den Unmut von Gustav Pazaurek erregt und in dessen rigidem Raster der Geschmacksverirrungen ihr Plätzchen gefunden hätten. Der eine war ein Briefbeschwerer in Form des Brüsseler Atomiums, der zunächst auf dem väterlichen Schreibtisch seinen Platz hatte und dann, weil er mir so gefallen hat, auf den meinigen wanderte. Es handelte sich bei diesem übrigens keineswegs um eine billige „Materialattrappe“, denn seinem Namen machte der Briefbeschwerer durchaus Ehre, wobei die widmungsgemäße Schwere von der massiven Steinplatte herrührte, auf die ein schätzungsweise zehn bis zwölf Zentimeter hohes Modell des Atomiums montiert war. Dass es sich bei diesem um eine Form von „Material-Surrogat“ handelte, kann ich nicht mit letzter Gewissheit ausschließen.
Der Brüsseler Beschwerer, den mein Vater von einer seiner zahlreichen Dienstreisen als Souvenir mitgebracht hatte, war gewiss kein billiger Touristenramsch, es fragt sich allerdings, ob Briefbeschwerer nicht ganz generell eine Art „Konstruktionsfehler“ darstellen. Denn, Hand aufs Herz: Wer braucht Briefbeschwerer? Wie oft kommt es vor, dass eine Windböe durchs geöffnete Fenster hereinweht, um die auf dem just vor diesem stehenden Sekretär gestapelten Briefe von der Tischfläche zu fegen? Eben.

Der andere Gegenstand, der mir in den Sinn kommt, weist sowohl „Material-“, als auch „Dekorfehler“ auf. Sein Platz befand sich auf der Ablage im Heck unseres Autos. Nein, es handelte sich nicht um einen Wackeldackel, sondern um eine Häkelarbeit, die aussah wie ein zu klein geratener topfförmiger Damenhut. Ihre einzige Funktion bestand darin, etwaige, am parkenden Auto vorbeigehende Passanten oder die im Urlaubsstau hinter uns herzuckelnden Verkehrsteilnehmer vor dem Anblick einer unverhüllten Klopapierrolle zu bewahren.
Ob dieses von der Tante meines Herzens fabrizierte Etwas den „Abnormen Formen“ zuzurechnen wäre, vermag ich nicht zu sagen. Mit ziemlicher Sicherheit erfüllt es den Tatbestand der „Material-Pimpelei.“ Bei „Material-Pimpeleien“, die auch unter der Bezeichnung „Freistundenkunst“ oder „Hausfleißerzeugnisse“ bekannt sind, handelt es sich – und ich zitiere aus dem Katalog – um „langwierige Freizeit-Bastelarbeiten (…), die von weitem den Eindruck eines kunstgewerblichen Erzeugnisses machen“.
Hinzu kommt der Verdacht, dass im Falle der umhäkelten Klopapierrolle auch ein Fall von „Dekor-Übergriff“ vorliegt, über den Pazaurek schrieb: „Wir erleben in solchen Fällen eine Täuschung, die eigentlich doch keine ist, weil sie durch die Formen wieder aufgehoben wird, aber eben darum als ein misslungener Scherz, als ein Witz ohne Pointe, der mit Unlust empfunden wird.“
Es ist nämlich so, dass der tatsächliche Gebrauch, der ja auch einen Verbrauch von Klopapier darstellt, die Funktionstüchtigkeit und Formschönheit des Futterals zusehends in Frage stellt. Mit jedem Blatt weniger wird auch die Stütz- und Füllfunktion, die eine volle Klopapierrolle für das Klopapierrollenverhüllungshäkelhütchen hat, gemindert. Unschwer kann man sich vorstellen, dass ein aus herkömmlicher Wolle oder Baumwolle gefertigter und mithin nicht sehr elastischer Häkelhut nur mäßig elegant über einer mehr oder weniger abgewickelten Klopapierpappspule sitzt.

Denkt man dieses Form- und Funktionsverhältnis von Klopapierrolle und Klopapierrollenverhüllungshäkelhütchen konsequent zu Ende, wird man feststellen, dass hier ein Missverhältnis vorliegt, für das ich die Kategorie des „Funktionsschwindels“ einführen möchte: Nicht der Häkelhut ist dazu da, die Klorolle zu verhüllen, sondern die Klorolle dient dazu, den Häkelhut in eine halbwegs akzeptable Form zu bringen. Auf diese Weise wird der scheinbare Zweck des Häkelhutes aber gleich in doppelter Weise unterlaufen: Zum einen wird eine Klopapierrolle von einem dermaßen bizarren Gegenstand, wie ihn ein verzwergter Häkelhut nun einmal darstellt, eher ausgestellt als erfüllt; zum anderen schützt das Futteral das von ihm umhüllte Objekt weniger, als dass es dessen tatsächliche Nutzung verhindert, weil niemand zur weiteren Erschlaffung eines ohnedies schon recht traurig dasitzenden Häkelhutes beitragen möchte.

Abgesehen vom retro-nostalgischen Amüsement, zu dem ein solches Ding natürlich reichlich Anlass bietet, scheint mir interessant, dass das böse Design hier in Zusammenhang mit dem steht, was man nach der franko-bulgarischen Theoretikerin Julia Kristeva als „das Abjekte“ bezeichnet. Damit ist unsere – vielfach ekelbesetzte – Beziehung zu dem gemeint, was wir aus- und abscheiden. „Gutes Design ist so wenig Design wie möglich“ lautet das letzte der bereits zitierten zehn Gebote von Dieter Rams, und die Tradition des guten Designs, die vom Werkbund über das Bauhaus bis zur Hochschule für Gestaltung Ulm und darüber hinaus reicht, ist dem Abjekten gegenüber wohl nie allzu aufgeschlossen gewesen. Es handelt sich um eine asketische, um nicht zu sagen: prüde Tradition der Moderne.
Ich möchte mich in Sachen Vulgär-Etymologie und Trash-Psychoanalyse nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen, finde es aber auffällig, dass die von Pazaurek so verachteten „Pimpeleien“ schon rein lautlich eine auffällige Nähe zu umgangssprachlichen Synonymen für „kopulieren“ aufweisen.
Das Verhältnis der Moderne zum Sexus darf wohl als ambivalent beschrieben werden. Wie Barbara Vinken in ihrem Buch „Angezogen“ überzeugend gezeigt hat, haben sich die Modernisten der Mode stets gegen alles Üppige, Überbordende, die primären und sekundären Geschlechtermerkmale Betonende gewandt, gegen das, was Vinken den „Orientalismus“ nennt. Coco Chanel hat ihr Leben lang an der Vermännlichung der Frauenmode gearbeitet, und von Adolf Loos ist das schöne Zitat überliefert: „Weibliche Mode – ein grässliches Kapitel der Kulturgeschichte.“
In diesem Zusammenhang ist wohl auch Adolf Loos’ Hass auf das Ornament zu sehen. In einem Vortrag, den Theodor W. Adorno 1965 auf der Tagung des Deutschen Werkbunds gehalten hat und der den Titel „Funktionalismus heute“ trägt, heißt es dazu: „Loos führte die Ornamente auf erotische Symbole zurück. Die Forderung, diese abzuschaffen, paart sich mit seinem Widerwillen gegen erotische Symbolik; unerfasste Natur ist ihm rückständig und peinlich in eins. Der Ton, in dem er das Ornament verurteilt, hat etwas von der – vielfach projektiven – Empörung über Sittlichkeitsverbrecher“ – und hier zitiert Adorno nun Loos: „Aber der mensch unserer zeit, der aus innerem drange die wände mit erotischen symbolen beschmiert, ist ein verbrecher oder ein degenerierter.“
„Durchs Schimpfwort Degeneration gerät Loos in Zusammenhänge, die ihm unlieb gewesen wären“, kommentiert Adorno nobel, um dann auch noch dessen notorisches Diktum zu zitieren, demzufolge sich die Kultur eines Landes an dem Grad messen ließe, „in dem die abortwände beschmiert sind“. Auch dieser Auffassung widerspricht Adorno und verweist auf die Surrealisten, die „solchen unbewussten Handlungen manches abgewonnen“ hätten.

Der Hinweis auf den Surrealismus ist auch für diese Schau hier interessant, denn wenn Sie sich die Exponate ansehen, werden Sie entdecken, dass die Grenzen zwischen den bösen Dingen und den Artefakten umso durchlässiger und unschärfer werden, je weiter man in die Gegenwart kommt. Die Pop Art etwa ist in ihrer Apotheose des Billigen, Kommerziellen, Uneigentlichen ein polemischer Einwurf gegen alle Ansprüche auf Funktionalität und Gediegenheit; die Objekte eines Claes Oldenburg arbeiten ganz dezidiert mit Material-Attrappen und -Surrogaten.
Die zeitgenössische Kunst kümmert sich sozusagen um das Abjekte des guten Designs, sie macht dessen Schattenseite, das Verdrängte und Tabuisierte sichtbar. Künstler wie Mike Kelley oder Paul McCarthy arbeiten systematisch mit Verstößen wider alle Regeln des guten Geschmacks, und die drei Objekte, mit denen der französische Stardesigner Philippe Starck in dieser Schau der bösen Dinge als Schützenkönig des schlechten Geschmacks triumphiert, würden im entsprechenden Kontext, also etwa einer Galerie, wohl widerspruchslos als Kunst wahrgenommen werden.
Aber auch die bösen Dinge des Alltags haben – vom Busenhäferl bis zu den Penis-Puschen – eine eindeutige Verschiebung hin zum krud Expliziten erfahren. Das hat auch damit zu tun, dass hier eine Koketterie mit dem Inauthentischen, Entfremdeten und eine Ironie am Werk ist, die den modernistisch gesonnenen Apologeten des guten Designs vollkommen fremd ist.
In einem Text von 1988, der den Titel „Der autoritäre Salon“ trägt, hat sich Max Goldt seinen Ärger über „das Reich der Flohmarkt-Ironiker“ von der Seele geschrieben: „Man sitzt auf ironischen Sitzmöbeln, trägt ironische Kleidung und durchblättert ironische Druck-Erzeugnisse. Früher sagte man: ,Das ist so scheußlich, dass es schon wieder schön ist.‘ Diese Aussage (…) hat sich fest verankert in Millionen dummer Köpfe und sorgt beständig für eine abgeschmackte Atmosphäre der Sinnlosigkeit, die sinn- oder autoritätssuchenden Menschen lange schon zuwiderläuft.“

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
ich möchte nun abschließend zum Anfang meiner Ausführungen und damit auch zu meiner persönlichen Designbiografie zurückkehren. Das Regal für böse Dinge, das Sie am Ende der Schau finden, und in dem die Ausstellungsbesucherinnen und -besucher selbst Mitgebrachtes der Sammlung vermachen dürfen, könnte auch ich bestücken, und zum Beispiel um eine Reisetasche von Paul Smith bereichern, die – angesiedelt zwischen Material-Attrappe und Künstlerscherz – eine abgenutzte Vintage-Reisetasche aus Leder imitiert. Sie gefällt mir freilich viel zu gut, als dass ich sie los werden wollte.
Das andere Exponat ist ein winziges Messer der Firma Victorinox und wird hier als „Konstruktionsfehler“ angeprangert und der Sub-Kategorie „Zweckkollision oder Transformationssucht“ zugeordnet. Man tut dem Ding meines Erachtens aber unrecht: Es ist nicht böse! Zugegeben, das Messer eignet sich allenfalls zum Öffnen von Briefumschlägen oder zum Schneiden von Radieschen, aber für einen Radieschenbrot essenden Feuilleton-Redakteur ist das ein tolles Tool. Der Radieschenbrot essende Redakteur kommt damit in die Redaktion, lädt mit dem USB-Stick eine Eröffnungsrede auf seinen Computer, um diese – in schändlichem Missbrauch redaktioneller Infrastruktur für außerredaktionelle Zwecke – auf dem redaktionseigenen Drucker auszudrucken; er durchschneidet mit der dafür bestens geeigneten Schere die äußert stabilen Kunststoffpaketbänder, mit denen die Rezensionsexemplare verschnürt sind, notiert mit dem versenkbaren Mini-Kugelschreiber das Anliegen eines Anrufers. Als er versucht, die bereits am Ende ihrer Kapazität angelangte Mine zu wechseln, fällt diese hinter den Schreibtisch. Der Radieschenbrot essende Redakteur bückt sich, betätigt das Taschenlämpchen seines Multifunktionsmesserchens, findet die Mine und entsorgt diese im Altmetallcontainer. Das Universum der guten Dinge ist wieder im Lot.
Hätte ich heute hier ein Band zu durchschneiden und mein Messer bei mir, ich könnte die nächste Viertelstunde darauf verwenden, dies zu versuchen. So bleibt mir bloß noch, die Ausstellung für eröffnet zu erklären.

Februar 18th, 2014