Der perfekte Haushalt aus Papier: Die Kuratorin im Interview

Written by on September 25th, 2014 // Filed under Blog, Der perfekte Haushalt aus Papier

Vom 24. September 2014 bis zum 11. Jänner 2015 hält im Hofmobiliendepot eine neue Ausstellung Einzug. Sie nennt sich Der perfekte Haushalt aus Papier und trägt den Untertitel “Bürgerlicher Alltag zur Zeit Mozarts”. Dabei dreht sich alles um ein sogenanntes Klebealbum, das “Augsburger Klebealbum”. Es ist ein sorgfältigst eingerichtetes Spielzeughaus in Buchform.

Was man da alles entdecken kann und wie solche Klebealben vermutlich entstanden sind, verrät in einem vorab geführten Gespräch Regina Kaltenbrunner, die Kuratorin der Ausstellung. Die in Salzburg lebende Kunsthistorikerin haben wir dazu, bei einem ihrer Wienbesuche, zu einem Kaffee im Hofmobiliendepot getroffen.

Frau Kaltenbrunner, was wird man in der Ausstellung alles sehen?

Der Hauptprotagonist der Ausstellung ist das sogenannte Augsburger Klebealbum. Darunter versteht man ein Buch, ein zunächst leeres Buch, in das hineingezeichnet wurde und eben auch hineingeklebt. Und zwar ein ganzes Haus.

Von der Straßenszene weg, das heißt die erste Seite ist ein Platz in Augsburg. Und dann kommt ein zweiter Platz in Augsburg und da steht schon das Haus, um das es sich wahrscheinlich handelt.

Dann betritt man dieses Haus und geht durch die verschiedenen Dielen und Treppenhallen, die Vorratskammer, die Küche, in diverse Salons, in die Mägdekammer, ins Schlafzimmer, ins Herrenschlafzimmer, ins Kinderzimmer, in ein eigenes Wöchnerinnenzimmer und hat dann den grünen, den weißen Salon, bis hin zum Teesalon, Musiksalon und den Speisesaal.

17_00_Musiksalon_Klebe_neu

Wie darf man sich die einzelnen Zimmer vorstellen?

Die Räume sind unterschiedlich ausgestattet, sie werden immer prunkvoller und das reizvolle an diesem Klebealbum – eine Seite ist größer als A3, aber nicht sehr viel – ist eine sehr dilettantische Perspektive, in die dann höchst minutiöse Möbelstücke hineingezeichnet oder -geklebt wurden. Mit unglaublich viel Ak­ri­bie, mit ganz viel Liebe zum Detail.

Wie sieht das zum Beispiel aus?

Das ist dann so, dass die Vorhänge aus Stoff gemacht sind oder aus einem anderen Papier, man merkt, dass es gefaltet ist, als wären es Rollos, daneben hängt dann wirklich ein Seidenbändchen herunter, das die Kordel zum Aufziehen des Rollos ist.

Welche Hintergründe zur Entstehungsgeschichte gibt es zu erzählen?

Es ist ein Gang durch die Hausgeschichte, es ist ein Gang durch die Möbelgeschichte, es ist ein Gang durch die Modegeschichte. Man hat Ausschneidebögen verwendet, Augsburg ist im 18. Jahrhundert ein riesiges Zentrum für Druckgrafik gewesen. Die Verlage dort haben Ausschneidebögen aufgelegt.

Diese Ausschneidebögen hat es zu Themen gegeben. Auch biblische Szenen, Landschaften, aber eben auch Möbel und Straßenszenen. Das sind winzig kleine Kupferstiche, die man ausgeschnitten, angemalt und eben dann da hineingeklebt hat.

Dieses Augsburger Klebealbum ist eine Kombination. Man hat solche Kupferstiche, sowie ganz alte und zeitgenössische Ausschneidebögen genommen und hineingeklebt. Deshalb ist die Spannbreite zwischen den dargestellten Figuren, Möbeln und Einrichtungsgegenständen so groß.

Es werden außerdem auch Spieleabende (für Erwachsene und für Kinder) stattfinden?

Ja. Das Rahmenprogramm bezieht sich auf die Aktivitäten, die in diesem Klebealbum vorkommen. Da wird Tric Trac gespielt, damals hieß es noch nicht Backgammon, es ist aber im Prinzip dasselbe Spiel. Man sieht auch die Damen im Klebealbum ununterbrochen stricken. Daher kommt die Idee mit den Handarbeitsabenden.

4_Treppenhalle_L_2008_7_d

Wollte man auch etwas aus dem Album in der Ausstellung nachstellen?

Im Musiksalon zum Beispiel hätten wir uns bemüht, dass wir dieselbe Musik entweder in die Ausstellung bringen oder bei der Eröffnung spielen lassen. Mir haben Musikwissenschafter dann gesagt, dass die im Klebealbum dargestellte Formation nicht miteinander spielen kann. Es sind Musikinstrumente, die im 17. Jahrhundert üblich waren, neben Musikinstrumenten des 18. Jahrhunderts. Man hat offensichtlich einfach den Fundus den man an Ausschneidebögen im Haus hatte genommen und hineingeklebt.

Kann man sagen, in welchem Zeitraum das hineingeklebt wurde?

Zwischen 1780 und 1786. Genau Mozartzeit.

Man kann sich das so vorstellen, dass dieses Klebealbum dreidimensional ist?

Nein, es ist wirklich ein flaches Buch, man kann es durchblättern, es ist immer ein Innenraum aufgezeichnet, daher mit ein bisschen Perspektive. Besonders reizvoll ist, dass man Schranktüren aufmachen, aufklappen und dann in dieses unglaublich ordentliche Innenleben hineinschauen kann.

Man hat des Weiteren die Möglichkeit Zimmertüren zu öffnen. Es ist immer so angelegt, dass man in der Phantasie von einem Zimmer ins andere weitergehen könnte.

Einmal sieht man in den Garten hinaus, einmal ins nächste Schlafzimmer hinein.

Dadurch wird es ein bisschen dreiminsional und auch, weil zum Beispiel das Bettzeug und die Vorhänge aus Stoff sind.

Wir werden allerdings alles hinter Glas präsentieren und die Türen bleiben geschlossen. Alles was hinter den Türen verborgen ist, wird dann mit Hilfe von Fotos gezeigt.

5_Gewölbehalle_L_2008_7_e

Wie viele Stücke werden in der Ausstellung zu sehen sein?

Das Klebealbum besteht aus 19 Seiten. Das ist das Zentrum der Ausstellung. Und wir haben uns bemüht Objekte, die im Klebealbum vorkommen tatsächlich auszustellen. Die Ausstellung wird so gestaltet sein, dass man praktisch in ein Klebealbum hineingeht.

Das Album ist in den 90er Jahren nach Amerika gegangen, wo es zerlegt wurde und die Doppelseiten wurden auf Leinwand aufgezogen. Sie sind nun eben kein Buch mehr, sondern Bilder an der Wand. Auf der Transatlantikreise sind fünf Blätter verschollen gegangen, darunter auch das Widmungsblatt und der Einband.

Welche Stücke sind da präsent?

Wir haben Kinderbetten, in verschiedenen Formen, wir haben eine ganze Reihe von Scheren, weil die offensichtlich etwas ganz wichtiges waren in diesem Haushalt oder zumindest bei diesem Gestalter. Wir haben Möbel aus dem Hofmobiliendepot, wir haben sehr viele schöne Spiegel, wir haben Kücheneinrichtungsgegenstände. Auch Kerzen und Licht sind ein großes Thema, ebenso Kinderspielzeug und Steckenpferde. Wir haben uns Puppenhäuser ausborgen können, um zu zeigen, dass das Klebealbum eigentlich nur ein zweidimensionales Puppenhaus ist.

Ist bekannt, warum man solche Klebealben angefertigt hat?

Das ist eine schwierige Frage, weil letztendlich sind uns nur vier, fünf Klebealben bekannt. Und wir haben an und für sich gedacht, dass es ein Kinderspielzeug ist. Sie sind aber so fein gemacht, gerade das Augsburger, dass es eigentlich keine Kinderhand gemacht haben kann. Ich glaube eher, dass es für Kinder gemacht wurde oder es sollte ein Kind beginnen und dann haben die Eltern die Schere oder vielmehr das Federmesser übernommen.

Welche konkrete Geschichte hat das Augsburger Klebealbum?

Unser Augsburger Klebealbum hat eine besondere Geschichte: Das ist in den 90er Jahren zum ersten Mal publik geworden und damals hatte es noch ein Widmungsblatt auf dem “zur Erinnerung an meine Tante Regina Barbara Walther” steht. Deshalb weiß man wer die Eigentümerin war. Das ist eben Regina Barbara Walther, die die Tochter eines Goldarbeiters, Juweliers, Goldschmieds, vielleicht Goldhändlers in Augsburg war.

Sie war 1780 ca. 25 Jahre alt, da war sie also kein Kind mehr.

Es war wohl eher eine Freizeitbeschäftigung: Statt stricken, ein Klebealbum anzufertigen.

Wie kam es nun zu dieser Ausstellung?

Ich habe früher im Salzburger Barockmuseum gearbeitet und habe dort sehr gerne mit den Augsburger Kollegen zusammengearbeitet. Sie bewahren dieses Buch auf und haben es publiziert. Das war eine Ausstellung die ideal ins Barockmuseum gepasst hat. Dann hat Frau Dr. Barta (Anm. d. Red.: Dr. Ilsebill Barta ist für die wissenschaftliche Leitung der Ausstellung verantwortlich) die Ausstellung gesehen und sie nach Wien geholt. Hier ist sie nun aber fünfmal so groß wie in Salzburg.

Und so sah es während des Aufbaus der Ausstellung aus:

ausstellungcollage

Foto Kuratorin oben: Peter Laub

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